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Pendeln

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Kurze Geschichte vom Pendeln

oder: Ich dichte Stress

Täglich reise ich mit dem Zug. Es sind nur 30 km. In eine Richtung. 2x30 km Menschenmasse jeden Tag. Ich bin ja nicht alleine. Ist nichts besonderes. Man beobachtet sich. Mehr oder weniger genau. Man kennt sich. Auch wenn das keiner will.

Komme ich morgens ans Gleis, steht er schon da. Ich nenne ihn "den Sozialarbeiter". So sieht er nämlich aus. Er muss Deutscher sein. Er trägt eine Vaude-Tasche und steht immer exakt auf der weissen, gerillten Abgrenzungslinie, die dafür sorgen soll, dass auch sehbehinderte Menschen nicht aus Versehen auf die Geleise stürzen. Gegen beabsichtige Personenschäden schützt sie nicht. Immer diese Verspätungen. In Deutschland war das natürlich schlimmer. Es muss ja auch gute Seiten geben an diesem Land, diesem Kreuz. Und, wenn die Kinder das R ganz weit hinten im Rachen so fein reiben bis der Hals schmerzt und sich die Mandeln röten, dann muss ich doch nach solcherlei Vorteilen suchen.

Der Sozialarbeiter ist Erster. Immer. Wahrscheinlich aber nur hier an diesem kleinstädtischen Gleis. Das ist seine Challenge. Er steht da, nervös, wartend, immer auf Höhe des Süssigkeitenautomaten, genau an der Stelle, wo der nächste Zug erfahrungsgemäss seine Türen platzieren wird. Gleich ist es soweit. Ich weiss das, weil die Frauenstimme mir die Zugankunft vorhersagt. Zuverlässig. Und in drei Sprachen. Routiniert kämpferisch geht der Sozialarbeiter dem Zug entgegen. Zwei, drei Schritte, um bei der Einfahrt des Zuges flexibel zu bleiben, sich in Pole-Position zu bringen. Zug und Mensch scheinen sich aufeinander einzuspielen, abzustimmen, anzupassen. Es quietscht. Heute lauter als sonst. Es schmerzt fast. Wie sich der Sozialarbeiter wieder nach vorne drängelt. Ellenbogen sind da - scheint mir - auch im Spiel.

Ankömmlinge perlen aus der geöffneten Tür. Ich schäme mich, dass der Sozialarbeiter weiter drängelt und versuche mich so weit wie möglich an den Zug zu drücken, Platz zu machen, mich dabei nicht abdrängen zu lassen und niemals in die Ritze zwischen Zug und Bahnsteigkante zu rutschen. Jetzt geht es rein! Als gäbe es da drinnen was umsonst. Immer wieder wundere ich mich, dass mein Bekannter so entschlossen kampfbereit in den Zug stürmt, als gelte es ein Land zu erobern. Doch dann nimmt er den ersten freien Sitzplatz gar nicht in Besitz. Ich wundere mich. Auch über die anderen vorbeiziehenden Menschen. Der Sitz bleibt frei. ... In meinem ersten Pendeljahr hielt ich dieses Verhalten für eine mir unverständliche Landesitte. Heute ergreife ich die Chance und lasse mich nieder.  

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